Moralphilosoph und Ökonom

von Victoria Thum (27. März 2017)

 

 

Er galt lange als doppelgesichtig und war deswegen gerade unter deutschen Nationalökonomen in Verruf geraten: Adam Smith (1723 – 1790); einerseits Autor der Theorie der ethischen Gefühle und Advokat des Sentimentalismus, andererseits auch Urheber von Der Wohlstand der Nationen und kalt berechnender Ökonom. Auch die Anhänger des Neoliberalismus und Turbokapitalismus trugen dazu bei, ein schiefes Bild von Smith zu skizzieren. Die Triebfeder des wirtschaftlichen Fortschritts sei der Eigennutz, lautet nach ihnen die zentrale Botschaft des schottischen Philosphen. Und: je weniger Schranken der Marktwirtschaft vom Staat gesetzt werden, desto besser. Diese Deutung, so der österreichische Philosoph Gerhard Streminger, stehe aber im Gegensatz zur aktuellen Smith-Forschung. Denn die Wirtschaftslehre Smiths ist eigentlich alles andere als egoistisch und schrankenlos.

Streminger ist renommierter Hume-Biograph (eine Neuauflage seiner Biographie über den »menschenfreundlichen Skeptiker« David Hume erschien 2011) und gilt als Anhänger des evolutionären Humanismus und Experte der Scottish Enlightenment. Dieser Zweig der europäischen Aufklärung ist empirisch orientiert und pragmatisch. Sie glaubt an den Menschen und seine Fähigkeit, vernünftig zu denken und zu handeln, und argumentiert für die individuelle Freiheit. Die Idee, man könne oder müsse diese zu Gunsten eines totalitären und metaphysisch begründeten volonté général aufgeben, ist ihr fremd.

Einer ihrer Hauptvertreter, Adam Smith, wuchs in der schottischen Küstenstadt Kirkcaldy auf und konnte schon in jungen Jahren die Konsequenzen beobachten, welche die schottische Fusion mit England mit sich brachte. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts galt Schottland als das Armenhaus Europas. Hitzige Debatten wurden geführt, wie man das rückständige Land aus seiner Misere heraushohlen könnte. Andrew Fletcher und seine Anhänger plädierten für die Förderung des Inlandmarktes und setzten auf Selbstversorgung und strikte Wirtschaftsplanung. Die andere Gruppe bevorzugte den Exporthandel und die Abschaffung von Handelsschranken mit England und seinen Kolonien. Schon damals versuchte man Antworten auf die Frage zu finden, ob der Handel zwischen einer rückständigen und einer fortschrittlichen Nation nur für eine Partei oder doch für beide vorteilhaft sein könnte.
Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Zusammenschluss zu Großbritannien 1707 (der nicht ohne Schmiergelder zustande gekommen war) war in Schottland offensichtlich, allerdings brachte dies auch den Verlust der politischen Autonomie mit sich. Die Aufklärer, u. a. auch Smith und Hume, versuchten noch Jahrzehnte später, diesen Entschluss zu verteidigen.

Für ihre Argumentation und für Lösungen von Problemen, wie die Beschaffenheit einer gerechten Regierung, einer guten Gesellschaft, einer funktionierenden Volkswirtschaft, aber auch das Finden individueller Glückseligkeit halten beide eine genaue Kenntnis des Menschen für grundlegend.

Empathiefähigkeit ist dabei ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Natur. Empfindsamkeit bzw. Emotionalität in Verbindung mit Verstand ist die Voraussetzung für sittliches Verhalten und ein moralisches Leben. »Es geht in der Theorie der ethischen Gefühle nicht zuletzt um Persönlichkeitsbildung, wobei Smith überzeugt war, dass der kultivierte, seine Antriebe ausbalancierte Mensch das Gute, Wahre und Schöne erkennen und danach handeln könne«.

In seinem Werk An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations (1776) entwirft Smith ein Theoriegebäude, das von der Annahme einer organisch gewachsenen Ordnung getragen wird, in der jedes Individuum seine Talente ausleben und Interessen nachgehen soll (solange es dabei nicht gegen die Regeln der Gerechtigkeit verstößt) und somit auf natürliche Weise zum Wohl der Gesamtheit beiträgt.

Gerhard Streminger bietet in kompakten 230 Seiten eine spannend erzählte Biographie, die den historischen Hingergrund miteinbezieht und einen leicht zugänglichen Einstieg in die Hauptwerke Smiths, einen Klassiker des Liberalismus, ermöglicht.

 

Streminger, Gerhard
Adam Smith – Wohlstand und Moral. Eine Biographie
C.H.Beck 2017
254 Seiten mit 25 Abbildungen
24,95 Euro