Konstantin Küspert – Fort Schreiten 24.01. ETA Hoffmann Theater Bamberg

von Sebastian Meisel (26. Januar 2020)

© Martin Kaufhold


Die Aufgabe, eine Kritik zu schreiben, ist manchmal leichter, manchmal schwerer. Leichter ist sie, wenn das Stück sich, auch in allen Brüchen und Wendungen, zu einem kohärenten Ganzen entwickelt, Bühnenbild und Schauspieler eine Einheit werden, sich die Fragmente in eine Ordnung fügen. Schwerer, wenn das eigentlich Gesagte im Ungefähren verbleibt, das Ungesagte wiederum das eigentlich Entscheidende ist. Dass man es beim Stück Fort Schreiten vermutlich mit dem zweiteren Fall zu tun haben wird, war wiederum erwartbar. Wenn man ein Stück bei Konstantin Küspert bestellt, weiß man, was man bekommt: Die gesamte Palette des Abgesangs auf die menschliche Gegenwart, eine Generalanklage gegen das Alltägliche und Ordinäre und dazu eine Mischung aus intellektueller Anschauung und manifestartiger Agitation.

„Mittel, mittel, mittel. Es ist alles mittel und gut bei uns.“

von Lennart Göbel, Tabea Lamberti (21. Januar 2020)



© Martin Kaufhold


Bonn Park inszeniert am Bamberger ETA Hoffmann Theater mit Das Deutschland die provokante Darstellung einer durchschnittsdeutschen Leitkultur.

Krachende Trapmusik, ein fahler Lichtkegel, knallende Falltüren, totale Aufblendung: das Publikum ist vorerst blind. Schnell wird deutlich, das hier soll kein traditioneller Theaterabend werden, es wird geschockt, geblendet, persifliert und provoziert. Also doch ein gewöhnlicher Theaterabend? Ein "Horror"-Stück, so nennt es die Dramaturgin Victoria Weich. Und spielt damit auf die stilistische Gestaltung des Stücks an, mit Handgriffen aus dem Grusel-Baukasten.

Ernst sein ist alles

von Anna Brodmann (5. Dezember 2019)



© Martin Kaufhold


Was soll man ernst nehmen in einer Welt von Donald Trump, Kim Jong Un und dem Brexit?
Etwa die Klimakrise, den drohenden Aufstieg des Faschismus oder die zunehmende gesellschaftliche Spaltung?     
Natürlich nicht!       
Bunbury lehrt uns: Das wahre Glück finden wir nur, wenn Gurkensandwiches wichtiger sind als Heiratsanträge und Ernst sein wirklich alles ist.

Oscar Wildes Komödie Bunbury dreht sich um zwei junge Lebemänner der oberen Schicht Englands im 19. Jahrhundert, die sich mit "allerhand Schwulitäten" ihre Zeit in London vertreiben. Als Mr. Worthing der Cousine seines Freundes einen Antrag machen will, stellt sich schnell heraus, dass er ein doppeltes Spiel gespielt hat: Um einerseits sein zügelloses Leben in der Stadt genießen zu können und andererseits die moralischen Standards eines Vormundes auf dem Land zu erfüllen, hat er seinen exzentrischen jüngeren Bruder Ernst erfunden, um den er sich jedes Wochenende in London "kümmern" muss. Eine Enthüllung, die seinen Freund Algernon keineswegs schockiert: Algernon hat schließlich die Technik des Bunburysierens erfunden. Er nutzt den namensgebenden und angeblich schwer kranken Bunbury beispielsweise, um dem unangenehmen Essen mit seiner Tante zu entgehen.

Und jetzt sag, was du denkst!

von Simon Herold (4. Dezember 2019)



© Konrad Fersterer


Nach der kontroversen Literaturnobelpreis Verleihung an Peter Handke wird sich neben seinem Werk auch immer mehr mit dem Schriftsteller selbst beschäftigt. Die Inszenierung von Kaspar am Nürnberger Staatstheater geht dabei auf außergewöhnliche Weise auf beides ein und schafft es zugleich, einen gelungenen und unterhaltsamen Abend zu ermöglichen.

Was macht Sprache eigentlich mit uns? Das Sprechen sowie das Denken in Sprache ist für die meisten von uns mittlerweile selbstverständlich. Doch inwiefern manipuliert die Sprache uns, macht aus unseren Gedanken etwas ganz anderes, als sie an sich einst waren? Sprechen wir in unterschiedlichen Sprachen, verändert uns das. Das Erlernen des Wortes "Ich" ist ein wichtiger Moment in der Entwicklung eines Kindes. Sprache formt uns also, und dies führt unweigerlich zu der Frage, was bei einem Missbrauch passieren kann.

„Ich lebe, glaube ich, vor allem falsch“ – Sieben Nächte im ETA Hoffmann Theater

von Sebastian Meisel (25. November 2019)

© Martin Kaufhold

 

Der Autor höchst selbst war bei der Premiere anwesend. Das muss ein gutes Zeichen für eine Premiere sein. Eine Prophezeiung, die sich erfüllte. Auch wenn ein melancholischer Blick auf die Möglichkeiten zurückbleibt.

Simon Strauß, der Autor des Romans Sieben Nächte, und Bamberg scheinen eine besondere Beziehung zu haben. Vor eineinhalb Jahren, fast noch im Mittelpunkt der Aufregung um sein Debut, las er in der Universität aus diesem vor. Für all jene, die damals schon dabei waren, wird es wirklich ein unvergesslicher Abend bleiben. Ob dies auch für die erstmalige Aufführung von Sieben Nächte in Bamberg gelten wird, kann sicher nur die Zeit zeigen. Aber die Chancen stehen gut, dass die allermeisten Anwesenden diese Frage bejahen würden. Ersetzt diese Feststellung aber schon den Bedarf nach einem möglichst objektiven Urteil? Natürlich nicht, ansonsten würden sich Theaterstücke nur an ihrer Gefälligkeit messen lassen. Und gefällig war dieses Stück bei weitem nicht, aber dennoch soll aus diesen ersten und einzelnen Eindrücken eine Struktur entstehen.