Trauerspiel im Freudenhaus

von Michelle Mück (1. August 2018)

 


© Maria Svidryk

Schon letztes Jahr hatte die Gruppe das Stück auf Russisch in der alten Seilerei inszeniert, nun aber erstmals auf Deutsch, und auch das ist ihnen sehr gut gelungen.

Die Schauspieler und vor allem Schauspielerinnen legten eindrucksvoll die Schattenseite des Lebens in einem Bordell dar, voller Scham, Erniedrigungen, falscher Hoffnungen und Liebe, und mit einer Spitze, die von Geldgier geleitet wird und keine Skrupel kennt. Auch zeigte die Gruppe wundervoll, welch enge und intime Beziehungen zwischen den Mädchen entstehen, die aufeinander angewiesen sind und wahre Nettigkeit meist nur von der jeweils anderen kennen.

Das Stück brachte Freude und kindlichen Spaß mit tiefer Trauer und entsetzlichen Ereignissen im Wechsel. Das Bühnenbild war einfach gehalten. Nur ein Bett in der Mitte schaffte die Illusion mittendrin zu sein, wenn die Mädchen ausgelassen miteinander tollten, aber auch, wenn sie Kunden bei sich hatten, die sie meist schlecht behandelten und erniedrigten. Die Bühnenlichter und -musik wurden szenisch gut eingesetzt, um die verschiedenen Stimmungen zu unterstützen. Das Stück malt ein zunehmend düsteres Bild: kein Mädchen kann dem Etablissement entkommen, jede erleidet ein ähnlich bitteres Ende und alle Hoffnung führt ins nichts. Der Schluss drückte diese Kritik an dem ältesten Gewerbe der Welt sowie der gesellschaftlichen Doppelmoral perfekt aus, indem alle Mädchen gleichzeitig noch einmal ihre Schicksale, die uns im Laufe des Stücks gezeigt worden waren, wiedergaben und so ein klagender Chorus entstand. Denn nur weil etwas Tradition ist, muss es noch lange nicht richtig sein.

Die Gruppe zeigte mit der Inszenierung nicht nur ihr Schauspieltalent, sondern schaffte es auch, ein kritisches Bild zu malen, das im Kopf bleibt. Man kann sich schon jetzt auf ihr neues Stück Die Dämonen nach Fjodor Dostojewski freuen, das im Herbst ebenfalls auf Deutsch aufgeführt werden wird.