Forever Is Our Today

von Tessa Friedrich (17. Oktober 2017)

 

© Martin Kaufhold 

 

Nordamerika im Jahre 1985. Während der Amtszeit des republikanischen Präsidenten Ronald Reagan ist das Land geprägt von Rassismus, Homophobie, Kapitalismus und Korruption, Krankheiten wie Aids entwickeln sich zur Massenepidemie. Gott, so scheint es, hat die Menschen hier längst im Stich gelassen. Die Lösung: ein neuer Messias muss her! Ob aber der Auserwählte der Engel, der homosexuelle und Aidskranke Prior Walter, dieser Aufgabe gerecht werden kann?

Um die neue Spielzeit 2017/18 des ETA Hoffmann Theaters am 6. Oktober zu eröffnen, entscheidet sich die Intendantin und Regisseurin Sibylle Broll-Pape wie in den vorherigen Spielzeiten dazu, der Tradition der großen Stoffe zu folgen: Nach den Nibelungen zum Thema „Heimat“ und dem Goldenen Vlies zu „Europa“ wendet sich das ETA mit Engel in Amerika nun dem Westen zu. Das zweiteilige Drama von Tony Kushner wurde nach der Uraufführung 1993/94 mit dem Pulitzer Preis und dem Tony Award ausgezeichnet, als Miniserie mit Größen wie Meryl Streep und Al Pacino verfilmt und stellt also zweifellos einen wichtigen Teil amerikanischer Literatur- und Kulturgeschichte dar. Das ETA versucht, dieses Monumentalwerk zu zähmen (gekürzt auf eine Länge von knapp vier Stunden, Dramaturgie: Remsi Al Khalisi) und stellt mit dieser Inszenierung dem Bamberger Publikum ebenso einige neue Gesichter als Teil des ETA Ensembles vor, die sich gemeinsam mit den bereits bekannten Schauspielern der Aufgabe annehmen, dieses Werk auf die Bühne zu bringen.

 

»Mach das Gesetz oder sei sein Untertan.«

Die Handlung von Tony Kushners Drama fokussiert sich zunächst auf drei Handlungsstränge: Zunächst wäre da der homosexuelle – und gleichzeitig homophobe – Rechtsanwalt Roy Cohn (Stephan Ullrich), die einzige historische Figur des Stücks. Cohn sieht sich selbst als unbesiegbar und ist ein Meister im Spiel des korrupten Rechtssystems, bis er selbst mit HIV infiziert wird und die beginnenden Krankheitssymptome als „Leberkrebs“ tarnt, um seinen Ruf zu wahren. Sein Mitarbeiter Joseph „Joe“ Porter Pitt, Mormone und ebenfalls Anwalt (wunderbar verklemmt: Stephan Hartmann), kann aufgrund seiner religiösen Überzeugungen nicht zu seiner Homosexualität stehen, findet jedoch den Mut, sich von seiner von Valium-Tabletten abhängigen Ehefrau Harper (Anna Döing) zu lösen. Im Zentrum des Ganzen steht das Paar Louis Ironson (Marcel Zuschlag) und Prior Walter (Paul Maximilian Pira), wobei letzterer an Aids erkrankt und daraufhin von seinem Partner Louis verlassen wird, da dieser nicht mit dem bevorstehenden Tod seines Geliebten umzugehen weiß. Alleingelassen und dem Tode nahe erscheint Prior plöztlich ein Engel (Corinna Pohlmann), der ihm mitteilt, dass die Welt erneut einen Erlöser bräuchte und ihm die Aufgabe zugesprochen worden sei, den Menschen zu sagen: »Ihr schreitet nicht voran, ihr trampelt.«

Bringt Engel in Amerika zwar Dinge wie Hass, Schmerz und Tod auf die Bühne, so lebt und atmet das lange Stück durch seine Figuren: Ist in der einen Szene jedes Wort eines Dialogs mit Spannung aufgeladen, lockern die Nebencharaktere, wie der charmante Belize (Patrick Joseph) oder die lakonische Krankenschwester Emily (Corinna Pohlmann), die nächste Szene durch Humor wieder auf. Nie ist eine Figur allein auf der Bühne, die Szenenwechsel sind schnell und perfekt getimed und machen deutlich, dass in diesem kleinen amerikanischen Kosmos alle miteinander verbunden sind, selbst in der Einsamkeit wird man immer beobachtet, Privatsphäre scheint aufgelöst. Und auch der „American Dream“ ist in Kushners Text nicht mehr, was er zu sein scheint, so führt die Suche nach Selbstverwirklichung und einer gesellschaftlichen Position manche der Figuren in den Ruin, wobei andere von Halluzinationen, Visionen und Wahnvorstellungen heimgesucht werden, die ihnen Hoffnung auf ein besseres Leben und Erlösung geben. Die Grenze zwischen Realität und Traum verschwimmt, bis man sich nur noch fragt: Is this the real life? Is this just fantasy?

 

»Die Wege des Herrn sind unergründlich.«

Worauf sich jedoch die Inszenierung von Broll-Pape thematisch fokussiert, ist schwieriger festzustellen: Zwischen naturalistischen Darstellungen finden sich immer wieder phantastische Elemente, sodass Engel in Amerika ständig zwischen einem ernsten Drama und einer skurrilen Komödie changiert, was allerdings am Dramentext an sich liegt und als Geschmackssache angesehen werden kann. In Bezug zur Aktualität wird im Programmheft allerdings erklärt, wie wichtig das Stück durch eine spiegelnde Funktion für die heutige Zeit mit Donald Trump als amerikanischen Präsidenten sei, die Inszenierung selbst stellt hierzu allerdings keine konkrete Verbindung her und bleibt konsequent in den 80er Jahren verortet, unterstützt durch ein Bühnenbild, welches aus Bildern amerikanischer popkultureller Figuren wie beispielsweise Mickey Mouse, Marilyn Monroe und einem Portrait Reagans selbst besteht. Auch die musikalischen Elemente wie Ausschnitte aus „Master And Servant“ von Depeche Mode oder „Who Wants To Live Forever“ von Queen – in Kombination mit der Aidsthematik ist letzteres beinahe schon plakativ und makaber – rahmen die Inszenierung durchgehend mit dem Flair der 1980er ein. Zwar sind die Themen des Stücks wie Rassismus und Homophobie sowie die gesellschaftliche politische Spaltung unter Trump erneut im Fokus der medialen Aufmerksamkeit und daher relevant, diese Aspekte waren jedoch auch mit Barack Obama als Präsidenten ein großes Problem und werden es in naher Zukunft höchstwahrscheinlich auch immer noch sein, konkret auf unsere Zeit lässt sich dies also nicht beschränken. Vor allem aber die Kombination dieser Themen mit der Krankheit Aids wirkt für den Zuschauer im Jahre 2017 bereits überholt, und auch die vulgäre und sexuell explizite Sprache des Stücks ist auf einer Bühne in Zeiten, in denen auf öffentlichen Plattformen und in sozialen Netzwerken wie YouTube, Facebook und Co. so offen wie noch nie über Sexualität informiert und diskutiert wird, kaum noch provozierend. Die Suche nach dem Grund, wieso man Engel in Amerika genau jetzt in den Spielplan aufgenommen hat, ist daher eher verwirrend.

Abgesehen davon will und weiß das Stück wie ein Spielbergscher Hollywoodfilm zu unterhalten: Offenbar frei nach dem Motto »so etwas hat Bamberg noch nicht gesehen« explodieren prophetische Bücher, Deckenteile fallen hinunter, Engel lassen sich vom Schnürboden herab und nackte Männer laufen über die Bühne. Herausragend sind aber allem voran die dramatisch ausgetragenen und tiefliegenden Konflikte zwischen den einzelnen Figuren, die den Zuschauer berühren oder ihn herzhaft lachen lassen, nur um ihn kurz darauf wieder in Sprachlosigkeit zu versetzen. Das Ensemble meistert dies, ebenso in Anbetracht der Länge des Stücks, und die Darbietungen der neuen Mitglieder des Bamberger Hauses machen neugierig auf deren weitere schauspielerische Arbeit. Und auch, wenn der Bezug zur heutigen Zeit etwas überholt erscheint: ein wichtiger Teil der amerikanischen Geschichte ist Tony Kushners Drama zweifellos.

 

Weitere Vorstellungen: 18. | 19.| 22. Oktober sowie 4.| 11. und 12. November. || ETA Hoffmann Theater:  Große Bühne || ca. 3h und 45min 
Eine Einführung findet eine halbe Stunde vor Stückbeginn statt.