Die Geschichte des Ungesagten

von Sophia Klopf (20. Juli 2017)

 

© ArtEast

 

»Was ist deine Geschichte?« Das fragte das slavistische Theater ArtEast mit seinem neuen Stück Venushaar die Zuschauer. Das Rezensöhnchen ließ sich nicht nehmen, die Aufführung am 7. Juli in der Alten Seilerei zu besuchen und sich von den verschiedenen Facetten der Theatergruppe überzeugen zu lassen und kommt zu dem Schluss: Wer nach dem Titel Venushaar barocke Schönheit erwartet, sollte sich lieber enttäuschen lassen.

Das Stück führt uns in zwei verschiedene Welten, die man an den Protagonisten unterscheidet. Zum einen begleitet man den namenlosen Übersetzer in seinem Alltag. Er übersetzt für die Migrationsbehörde und hört jeden Tag die ergreifenden Geschichten der Asylbewerber. Am Anfang ist er noch Feuer und Flamme, für die Asylbewerber einzustehen. Aber er merkt schnell, dass er die Welt nicht verändern kann, sondern der Gunst der Beamten unterlegen ist. Er resigniert in seinem Job und beschränkt sich auf Dienst nach Vorschrift. Auch im Privatleben des Übersetzers läuft es nicht so gut. War er am Anfang doch noch so verliebt in seine Freundin, bröckelt die Beziehung und leidet auch unter seiner ständigen Erreichbarkeit.

Die andere Dimension, die das Stück eröffnet, ist die Welt eines jungen Mädchens Anfang des 20. Jahrhunderts. Mittels ihrer Tagebucheinträge offenbart sich ihr Leben von der ersten, hormongetränkten Liebe bis weit in ihre Adoleszenz. Dazu kommt ihre Karrierefindung und schließlich ihr Berufsalltag als Sängerin und Schauspielerin, den sie während der Kriegswirren vor sich selbst rechtfertigen muss.

Große (und großartige!) Monologe sind es noch am Anfang, die das Stück prägen, aber schnell wird es schnelllebiger, verzwickter, raffinierter. Eine Figur wird von mehreren Schauspielern verkörpert, in beiden Erzählsträngen. Bei der Figur der Sängerin ist das klar gelöst, für jeden Lebensabschnitt gibt es eine andere Schauspielerin, die überzeugend ein Gesamtbild entwirft. Beim Übersetzer ist das nicht immer so eindeutig gelungen, man weiß nicht immer auf Anhieb, wer hier wer ist. Das Theater fordert die volle Aufmerksamkeit seiner Zuhörer, und man merkt, dass dieses Stück bewusst über die reine Unterhaltung hinausgehen will.

ArtEast schreibt dieses Mal das »Art« in seinem Namen groß. Im Gegensatz zum letzten Stück geht es hier um das, was nicht gesagt wird. Die Leute sollen sich einen Eindruck daraus bilden, was vorgeführt wird. So sagen auch die Theatermitglieder in ihrer Einführung, dass sie sich selbst eine eindeutige Deutung untersagen. Das Stück prangert indirekt an, wie die Migrationsbehörde arbeitet und mit den Hilfsbedürftigen umgeht, nicht zuletzt durch das Beamtendeutsch, das jede Szene abschließt. Gleichzeitig bekommt man aber auch Mitgefühl für die Ohnmacht, die die Helfer ereilt. Das Bühnenbild hat dies völlig unterstützt, eher minimalistisch, drei Tische, die immer wieder verschoben werden und sich so vom nüchternen Amt zum romantischen Restaurant wandeln können. Es sind wenige Tische, aber den Schauspielern fällt viel ein, was sie damit machen können, um der kühlen Kulisse Leben einzuhauchen. Sie halten auch mit dieser Aufführung ihr gewohnt hohes Niveau.

Mit Venushaar geht die Theatergruppe ein Novum ein: Zum ersten Mal ist das Theater auch völlig für Nicht-Russischsprechende geeignet, es gibt viele deutsche Passagen im Stück und wenn nicht, werden diese entsprechend mit Untertitel versehen. Letztere sollten vielleicht noch ein bisschen ausgefeilt werden, aber es ist doch erfrischend, dass sich ArtEast einem größeren Publikum öffnet, selbst wenn es ihnen noch nie an Zuschauern gemangelt hat. So ist ihnen auch mit Venushaar erneut ein Stück gelungen, das künstlerisch anspruchsvoll war und geschafft hat, die Zuschauer zu begeistern und vor allem zum Reden anzuregen.