»Hier bin ich – die Frau für jeden«

von Sophia Klopf (4. Februar 2017)

 

© Carolin Cholotta

 

In das Milieu der Prostituierten, umgeben von Freiern und Misere, wagte sich das slawistische Theater ArtEast der Universität Bamberg mit Alexander Kuprins Stück Die Lastergrube / Jama, das am vergangenen Wochenende in der Alten Seilerei zu sehen war.

»Gehen Sie bitte weiter, die Mädchen warten schon! Schneller!« – begrüßt von diesen barschen Worten tritt der Zuschauer in den Saal ein, auf dessen Bühne sich schon die Schauspieler befinden. Die besagten Mädchen, so erfährt man gleich zu Anfang des Stückes, sind die Arbeiterinnen des Bordells, in dem das Drama spielt. Eine Umgebung, die wohl die meisten Menschen (bewusst) meiden, und die daher umso geeigneter ist, dem Zuschauer einmal vorgeführt zu werden. Ein Freudenhaus ist dieser Ort keineswegs im wörtlichen Sinn: Schon zu Beginn offenbaren sich die zahlreichen tragischen Vorgeschichten der Mädchen. Auch die Freier scheinen nie wirklich glücklich an diesem Ort zu sein, außer einem Trunkenbold, der die Mädchen bespaßt, aber ironischerweise im Bordell stirbt. Die einzigen heiteren Momente finden zwischen den Mädchen statt, wenn sie unter sich sein dürfen. Sie sind auch für einander da, wenn sie sich brauchen. Wenn die Prostituierte Zhenja zum Beispiel ihrer Kollegin Tamara erzählen muss, dass sie sich mit Syphilis angesteckt hat. Oder Ljuba, die von ihrem Liebhaber verstoßen, wieder in das Bordell zurückkehren muss, wo sie mit Schlägen empfangen wird. Solche dramatischen Szenen brennen sich in den Kopf und bleiben dort auch einige Tage.

Es wird geschrien, geweint, getanzt, aber auch viel gestorben. Der gespannte Zuschauer ist fast froh, wenn eines der jungen Mädchen mit dem Tod aus dem Elend der Prostitution entkommt, sei es durch Krankheit oder Gewalt, und seinen Körper nicht noch weiter unter elenden Bedingungen verkaufen muss. Und sterben oder verschwinden werden alle der Prostituierten. Das schlicht gehaltene Bühnenbild verstärkt den Fokus auf die Schauspieler, die so überzeugend darstellen, dass man sich kaum entscheiden kann, wer hier wem das Wasser reicht. Es brillieren vor allem die Darsteller, die schon länger Teil der Gruppe sind, man merkt, dass hier durch die Bank Studierende mitwirken, die mit Herz und Seele dabei sind.

Alexander Kuprins gleichnamige Erzählung, deren Ersterscheinung schon über hundert Jahre zurückliegt, liefert die Basis des durchdachten Stückes, das dem Originaltext sehr nah ist. Schon damals war Die Lastergrube / Jama Anlass hitziger Debatten über soziale Missstände und das horizontale Gewerbe. Solche Konflikte schießen dem Zuschauer beim Betrachten aber auch heute unmittelbar durch den Kopf – es kann nicht sein, dass sich Frauen immer noch für ihren Lebensunterhalt prostituieren müssen.

Das Stück ist auf jeden Fall sehenswert, wenn man Russisch kann (oder lernt). Auch wenn man dieser Sprache nicht mächtig ist, dafür aber ein bisschen Mut aufbringt, denn der Inhalt ist anhand eines deutschen Programms verständlich aufbereitet. Alleine wegen der Darbietung der Schauspieler, die bei weitem das Niveau einer Studentengruppe übersteigt, sollte man es schlussendlich nicht missen dürfen. Denn auf eindrückliche Weise zeigt uns Die Lastergrube / Jama: Alles hat seinen Preis, egal wo du herkommst oder wer du bist.

Am 27. und 28. Januar fand das Stück in der Alten Seilerei statt. Wer es verpasst hat, kann sich Ende des Sommersemesters auf das neue Stück von ArtEast freuen.