„Verbrechensbekämpfung ist ein Handwerk. Man lernt es mit den Händen.“

Von Niklas Knüpling und Celine Buschbeck (27. Oktober 2020)


ETA Hoffmann Theater 20.10.2020

„Das Ueble zulassen, um das Gute zu tun“ – Der Theaterautor Björn SC Deigner baut mit Die Polizey das gleichnamige Fragment von Schiller aus und zeichnet die Geschichte der Polizei durch die Jahre der Kaiserzeit, des Nationalsozialismus, der DDR bis hin zur Neuzeit weiter. Er sieht sich zwar als politischen Schreiber, hat dabei jedoch nicht nur das Zeitgenössische im Blick. Genug Aktualität liegt dem Stück inne: Zwei Wochen nach der Ermordung George Floyds in den USA schickte Deigner den Entwurf an das ETA Hoffmann Theater. Schnell wird man im Laufe des Theaterspiels feststellen, dass das Personal der Polizei wechselt, die Mechanismen und Graubereiche jedoch die gleichen bleiben. So wird etwa der Fall Floyd nicht explizit erwähnt, seine Ursachen sind jedoch stets präsent.

„Haben Sie schon mal versucht, einen Traum zu umarmen?“

Von Sebastian Meisel (21. Oktober 2020)


Theater im Grünen - Wildwuchs Theater Bamberg 01. Oktober 2020

Weinberg. Wildwesen. Wechselspiele. Die jüngste Aufführung des Wildwuchs-Theaters ist mal wieder eine Herausforderung für den Zuschauer. Nicht nur aufgrund des unbeständigen Wetters, sondern weil er sich selbst in unterschiedlichen Rollen wiederfindet. Zwischen Nähe und Distanz. Frau und Mann. Und als Teil der Aufführung.

„Du darfst Dich nicht maschinenfeindlich äußern!“

Wildwuchs Theater 13.08.2020 – Die Maschine steht still

Von Sebastian Meisel (30. August 2020)

 

Theater in Zeiten der Pandemie. Zeit darüber nachzudenken, was Theater kann, was es soll, was es zu tun hat. Aufrütteln, Wach-Sein. Die Gegenwart kritisch begleiten, ohne den Anspruch auf Aufklärung aufzugeben. Das versuchte das Wildwuchs-Theater mit einer szenischen Lesung aus E.M. Forsters Erzählung Die Maschine steht still. Und am Ende muss man sagen: Die Zeit ohne Theater war viel zu lang! 

"Ist ein Verrat gerechtfertigt, wenn er im Namen einer größeren Zahl geschieht?"

von Anna Brodmann (12. März 2020)

© Christian Martin / Mathias Wiehle

 

In seinem neusten Stück zeigt e.g.o.n. ein ruhig inszeniertes und inhaltlich aufwühlendes Drama um die Frage von Schuld und Unschuld. "Ich hätte nicht mitgemacht" ist ein Satz, den man in Deutschland mindestens einmal in seinem Leben gehört hat. Doch wenn dich ein Diktator um eine simple Sache bittet und du deine Freiheit erst wiedererlangst, wenn sie erfüllt ist – würdest du Nein sagen?

Einen Attentäter zum Reden zu bewegen, der seine Komplizen auch unter Folter nicht preisgeben will – das ist die Aufgabe, die der Gouverneur Neun, in seinen Augen unschuldigen, Bürgern stellt. Sie dürfen dazu jedes Mittel verwenden, das sie möchten, und sobald die Aufgabe gelöst ist, erlangen sie alle ihre Freiheit zurück. Das ist die Prämisse, unter der e.g.o.n. in einer ca. zweistündigen Inszenierung verhandelt, wer schuldig ist – und wie man Unschuld erkennen kann.

Die Erde ist noch rund, aber die Geschichten sind viereckig geworden

von Lennart Göbel, Christian Tiemann (11. März 2020)

© Martin Kaufhold


Mit Ödön von Horvaths Jugend ohne Gott wagt sich das ETA Hoffmann Theater an einen Klassiker und überträgt diesen in eine nicht näher definierte dystopische Zukunft. Diese Zukunft macht sich zunächst einmal visuell bemerkbar. Die Kostüme der namensgebenden Jugend erinnern an Kubricks "Uhrwerk Orange" Interpretation, indem Altes mit Neuem verbunden wird: Graue Pagenköpfe, weiße Halskrausen, glitzernde Bauchtaschen über einem auf die Darsteller:innen ausgebreiteten Pastellregenbogen. In der Eingangsszene bekämpft sich diese verrohte Jugend ohne Gott in einem ritualisierten Tanz, der kein Tanz ist. Die Schauspieler:innen geben sich hin, verrenken sich, aber es bleibt doch die Selbstdarstellung Einzelner, die Selbstdarstellung einer Gruppe, die sich äußerlich kaum voneinander unterscheidet. Hier zeigt sich die von Dramaturgin Victoria Weich intendierte Konformität der Einzelkämpfer:innen optisch so überzeugend, beinahe hypnotisch, dass man fast überrascht ist, als das erste Mal ein Wort gesprochen wird.