"Ist ein Verrat gerechtfertigt, wenn er im Namen einer größeren Zahl geschieht?"

von Anna Brodmann (12. März 2020)

© Christian Martin / Mathias Wiehle

 

In seinem neusten Stück zeigt e.g.o.n. ein ruhig inszeniertes und inhaltlich aufwühlendes Drama um die Frage von Schuld und Unschuld. "Ich hätte nicht mitgemacht" ist ein Satz, den man in Deutschland mindestens einmal in seinem Leben gehört hat. Doch wenn dich ein Diktator um eine simple Sache bittet und du deine Freiheit erst wiedererlangst, wenn sie erfüllt ist – würdest du Nein sagen?

Einen Attentäter zum Reden zu bewegen, der seine Komplizen auch unter Folter nicht preisgeben will – das ist die Aufgabe, die der Gouverneur Neun, in seinen Augen unschuldigen, Bürgern stellt. Sie dürfen dazu jedes Mittel verwenden, das sie möchten, und sobald die Aufgabe gelöst ist, erlangen sie alle ihre Freiheit zurück. Das ist die Prämisse, unter der e.g.o.n. in einer ca. zweistündigen Inszenierung verhandelt, wer schuldig ist – und wie man Unschuld erkennen kann.

Die Erde ist noch rund, aber die Geschichten sind viereckig geworden

von Lennart Göbel, Christian Tiemann (11. März 2020)

© Martin Kaufhold


Mit Ödön von Horvaths Jugend ohne Gott wagt sich das ETA Hoffmann Theater an einen Klassiker und überträgt diesen in eine nicht näher definierte dystopische Zukunft. Diese Zukunft macht sich zunächst einmal visuell bemerkbar. Die Kostüme der namensgebenden Jugend erinnern an Kubricks "Uhrwerk Orange" Interpretation, indem Altes mit Neuem verbunden wird: Graue Pagenköpfe, weiße Halskrausen, glitzernde Bauchtaschen über einem auf die Darsteller:innen ausgebreiteten Pastellregenbogen. In der Eingangsszene bekämpft sich diese verrohte Jugend ohne Gott in einem ritualisierten Tanz, der kein Tanz ist. Die Schauspieler:innen geben sich hin, verrenken sich, aber es bleibt doch die Selbstdarstellung Einzelner, die Selbstdarstellung einer Gruppe, die sich äußerlich kaum voneinander unterscheidet. Hier zeigt sich die von Dramaturgin Victoria Weich intendierte Konformität der Einzelkämpfer:innen optisch so überzeugend, beinahe hypnotisch, dass man fast überrascht ist, als das erste Mal ein Wort gesprochen wird. 

Der Untertan – Markgrafentheater Erlangen 07.03.2020

von Sebastian Meisel (11. März 2020)

© Jochen Quast


Wann kann eine Premiere als gelungen bezeichnet werden? Wenn der Applaus nicht abbricht? Es "Bravo"-Rufe und Jubel gibt? Ja, das gehört dazu. Aber auch das: Wenn eine fiese Hauptfigur einem fast sympathisch wird.

Romanadaptionen für die Bühne haben ein grundlegendes Problem: Das Theater muss den Inhalt notwendig kürzen, damit er spielbar bleibt und sich gleichzeitig nicht zu weit vom Stück entfernt, damit er verständlich ist. Dabei hat der eine Teil der Zuschauer, der das Werk kennt, den Vorteil, Leerstellen und Verkürzungen einordnen zu können – er kennt den Kontext. Der andere Teil ist angewiesen auf die Stringenz des Textes und das Können der Schauspieler, der Intendanten und Dramaturgen. Erst im Zusammenspiel wird sichtbar, ob dies funktioniert, ja, funktionieren kann.

Germany: Why not!

von Simon Herold (11. Februar 2020)

© Konrad Fersterer


"Germany: Why not!" Unter diesem Motto steht das neueste Stück Philipp Löhles, Hausautor des Nürnberger Staatstheaters, Andi Europäer. Es versucht, Deutschland und Deutschsein zu hinterfragen und einen Perspektivenwechsel zu ermöglichen. Wie dies angestellt wird, ob es gelingt, und ob zusätzlich ein schöner Abend im Theater ermöglicht wird, soll im Folgenden beschrieben werden.

"Seit 2015 werden im Auftrag des Auswärtigen Amtes in ganz Afrika Informationsveranstaltungen durchgeführt, die Afrikaner*innen davon abhalten sollen, die Flucht nach Europa anzutreten. – Ist wirklich so!" Mit diesem Satz werden wir in das Stück hineingeleitet, es stellt sich heraus, dass wir im Begriff sind, eine solche Informationsveranstaltung zu sehen.

Konstantin Küspert – Fort Schreiten 24.01. ETA Hoffmann Theater Bamberg

von Sebastian Meisel (26. Januar 2020)

© Martin Kaufhold


Die Aufgabe, eine Kritik zu schreiben, ist manchmal leichter, manchmal schwerer. Leichter ist sie, wenn das Stück sich, auch in allen Brüchen und Wendungen, zu einem kohärenten Ganzen entwickelt, Bühnenbild und Schauspieler eine Einheit werden, sich die Fragmente in eine Ordnung fügen. Schwerer, wenn das eigentlich Gesagte im Ungefähren verbleibt, das Ungesagte wiederum das eigentlich Entscheidende ist. Dass man es beim Stück Fort Schreiten vermutlich mit dem zweiteren Fall zu tun haben wird, war wiederum erwartbar. Wenn man ein Stück bei Konstantin Küspert bestellt, weiß man, was man bekommt: Die gesamte Palette des Abgesangs auf die menschliche Gegenwart, eine Generalanklage gegen das Alltägliche und Ordinäre und dazu eine Mischung aus intellektueller Anschauung und manifestartiger Agitation.