A noble storyvon Marcel May (24. Februar 2011) In seinem neuen Roman Solar widmet sich Ian McEwan dem privaten und beruflichen Leben des (fiktiven) Nobelpreisträgers Michael Beard. Durch herausragende physikalische Forschungen über die Einwirkung von Licht auf feste Materie (und die darauf folgende Nobel-Auszeichnung) eine Koryphäe auf seinem Fachgebiet, profitiert Beard den Rest seines Lebens von seinem bekannten Namen. Dementsprechend wenig Anstrengung kostet ihn sein auf Repräsentation ausgelegter Beruf – das Leiten eines Instituts zur Erforschung erneuerbarer Energien – während sein durch zahlreiche, immer wieder scheiternde Ehen und Affären geprägtes Privatleben für Abwechslung sorgt. Welch fatalen Ereignisse diese Lebensweise provozieren kann, schildert McEwan, als Beards (derzeitige) Frau ihrerseits Beard mit seinem Mitarbeiter Aldous betrügt.
Beard ist sicherlich keine Figur, die zur Identifikation Anlass böte; für Aldous' unglücklichen Unfalltod wird Tarpin, der andere Liebhaber seiner Frau durch von Beard fingierte Beweise verurteilt; noch dazu gibt Beard die Ergebnisse der ihm von Aldous anvertrauten physikalischen Schriften als seine eigenen aus – und erntet damit auch vorübergehend Erfolg und neuen Ruhm. Erst am Ende holen ihn seine Taten ein; Bread befindet sich in einer verheerenden Lage und es bleibt offen, ob er sich auch diesmal in bester harlekinesker Manier hinausmanövrieren kann. Solar besticht durch meist überzeugenden parodistischen Witz auf eine der Klimawandelbekämpfung verfallene Öffentlichkeit und eine Führungsriege, die einmal gewonnenem Prestige ohne weitere Leistung zu fordern huldigt und deren Mitglieder sich mit der moralischen Evaluierung ihrer Handlungen erst gar nicht belasten. An keiner Stelle scheint Beard von schlechtem Gewissen gequält zu werden; Mittelpunkt seiner egozentrischen Weltsicht ist er selbst und die Bestrebung, mögliche Luxusminimierungen zu umgehen und seinem wollüstigen Leben ungehindert zu frönen. Dennoch wird er nicht zur negativen Figur, sondern zum plausiblen, trotz aller moralischer Korumpiertheit in seiner naiven Egozentrik sympathischen Charakter. Stellenweise wirken Beards „Erkenntnisse“ und McEwans Schilderungen aber zu gewollt und offensichtlich, etwa durch übertriebene und dadurch langweilig-überflüssige und wenig überraschende Passagen über Handlungsdetails („Da waren ihre Sachen ja. Wo hatten sie bloß die ganze Zeit gesteckt?“). Mögliche Höhepunkte erscheinen eher banal und stechen nicht aus der gleichbleibend-lakonisch erzählten Geschichte heraus. Wer das bisweilen an unangenehme Chemiestunden erinnernde Fachvokabular in Kauf nimmt und Beziehungsgeschichten gegenüber nicht völlig abgeneigt ist, findet in Solar aber dennoch spannende Unterhaltung.
Solar Aus dem Englischen von Werner Schmitz Diogenes 2010 397 Seiten, 21, 90 Euro |